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Still ruht die Stimme

2007: Schreiben, weil man nur noch krächzen kann.
Die Lesungen im Lokanta in Bochum und im Blue Shell in Köln waren für mich Fan des gierigen Mitrauchens ein Rückfallfestival erster Güte. Gut, dass im Lokanta die Nebelmaschine nicht funktionierte, ich wäre für immer verstummt. Die Nebelmaschine produzierte keinen Nebel, sondern lediglich in die we(i)hevolle Stille hinein das Geräusch, das eine Nebelmaschine macht, wenn sie Nebel produziert.
Die Halloween-Veranstaltung im Lokanta war - angereichert durch unfreiwillige Komik - gegen Konkurrenzveranstaltungen wie Ronaldino vs. Lampard und die legendäre Halloween Party im `Absinth` gut besucht und stimmungsvoll.
Im Blue Shell waren die Veranstalter, die Band “Gold”, das Tone Team, das Oktara Team und der Autor unter sich. Auch schön: eine intime Veranstaltung, deren Highlight ein Anruf eines Arbeitskollegen während meiner Lesung war; ob ich am nächsten Morgen unsere Firma aufschließen kann. Für den in die Lesung eingearbeiteten Dialog gabs Beifall, ich schloß am nächsten Morgen die Firma nicht auf.
Im Wechselspiel mit der Band (deren Titel “Zweidimensionale Freunde - ZDF” mir besonders im Gedächtnis blieb) fand eine gute Generalprobe für kommende events statt, vielleicht dann auch mit zahlendem Publikum.
Ich war - dank Verspätung eines ICE, und des Umstandes, daß aus nicht erläuterten Gründen der Zug schön langsam durch meinen Heimat-Hauptbahnhof hindurchzuckelte ohne Halt zu machen - um vier Uhr morgens zu Hause. Meine Kneipen waren schon zu, also begab ich mich in meine laue Muschel. Ich war außerstande einzuschlafen, starrte auf Lichtreflexe, die der Verkehr vor meinem Schlafzimmerfenster an die Decke projizierte, und merkte erst, als der Wecker klingelte, dass ich das Wachsein nur geträumt hatte.
Ich schreckte hoch im Bett mit der Frage: Wie gehts Jessika?
Ich hatte erst keine Ahnung wer das ist, dann fiel mir ein, dass ich die Strecke von Köln bis Düsseldorf mit einer angehenden Journalistin Konversation betrieben hatte. Sie hatte mir von schlaflosen Nächten in Bochum, Dortmund, Köln und Düsseldorf erzählt, ich ihr von der Vitrine mit einem Modelleisenbahngelände im Kölner Hauptbahnhof. Von wegen Idylle:die Macher hatten makabre Szenen untergebracht. Ein geköpfter Gleisarbeiter, eine hingemeuchelte Familie, ein Reanimierungseinsatz mit Sanitätern und Rettungswagen auf offener Straße, ein brennendes Haus, aus dem Anwohner neben Sprungtücher springen. Einige Lämpchen unterm Dachfirst signalisierten - der Brand ist nicht gelöscht.
Schon wenn ich an diese Szene denke, bekomme ich Durst. Becksdraft.
Jessika gelang es, nicht ihren Schirm liegen zu lassen. Sie war schon ausgestiegen und kam extra für den Schirm nochmal zurück.
Ich finde das bemerkenswert. Wenn ich Schirme irgendwo liegen lasse, fällt mir der Verlust immer erst dann auf, wenn es zu regnen beginnt.

Leib zig